,
die öffentliche Debatte zu Syrien richtet sich derzeit stark auf Nordostsyrien und die Lage der kurdischen Bevölkerung. Das ist angesichts der aktuellen Ereignisse verständlich. Gleichzeitig droht dabei aus dem Blick zu geraten, was diese Entwicklungen für das ganze Land bedeuten.
Denn die Spannungen zwischen der Übergangsregierung und den Syrian Democratic Forces (SDF) betreffen nicht nur eine Region oder einzelne Bevölkerungsgruppen. Sie könnten in einen offenen militärischen Konflikt münden, den größten seit dem Sturz des Assad-Regimes. Die Folgen wären überall in Syrien spürbar: Die humanitäre Lage würde sich weiter verschärfen, fragile Formen des Zusammenlebens würden zerstört und wirtschaftliche Lebensgrundlagen weiter geschwächt. Zugleich steigt die Gefahr eines neuen, ethnisierten Krieges.
Gerade deshalb steht jetzt mehr auf dem Spiel als die Kontrolle über einzelne Gebiete. In den letzten Monaten haben sich in vielen Teilen Syriens erstmals vorsichtige Räume geöffnet. Menschen organisieren sich lokal, suchen nach Dialog und Verständigung, übernehmen Verantwortung in ihren Gemeinden und fordern politische Beteiligung ein. Sie entstehen durch mutiges, zivilgesellschaftliches Engagement, durch kontinuierlichen Vertrauensaufbau und durch viele kleine Schritte. Ein neuer Krieg würde genau diese Ansätze zerstören und Macht erneut zentralisieren.
Gleichzeitig ist klar: Es gibt keine einfache Lösung. Weder lässt sich das politische Modell des Nordostens auf ganz Syrien übertragen, noch kann ein stark zentralisierter Staat die Vielfalt des Landes abbilden. Was Syrien jetzt braucht, ist eine gemeinsame politische Perspektive. Eine, die Unterschiede anerkennt und Zusammenleben ermöglicht. Stimmen, die auf Dialog, Kompromiss und gegenseitige Anerkennung setzen, müssen gehört und ernst genommen werden. |